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22. Juni 2004

Kein "alter Schwede": Skanaker zu alt für Olympia

Der Schwede Ragnar Skanaker (70) darf trotz einer "Wild Card" und Nominierung durch seinen Schützenverband nicht in Athen starten - es wären seine achten "Spiele" gewesen.

Ragnar Skanaker

Eine lebende Legende: Kein anderer Sportschütze weltweit kann eine solch langjährige Karriere aufweisen. Seit 1972, als er unbekannt und überraschend Gold mit der Freien Pistole in München gewann, zählt Skanaker zu den weltbesten Pistolenschützen. Knapp 800 internationale Wettkämpfe hat er in drei Jahrzehnten gewonnen, darunter noch zwei olympische Silbermedaillen (1984/1988) und Bronze 1992 in Barcelona. Er war Welt- und Europameister mit der "Freien", der Luft- und der Standardpistole - und nach einer "Kunstpause" zur Familiengründung ab 1996 und seinem überraschenden Comeback auf das internationale Parkett vor zwei Jahren gilt er wieder als heißer Kandidat auf einen Finalplatz. Beim Weltcup in Mailand, dem letzten Event vor Olympia, war er mit der Luftpistole und 576 von 600 Ringen gleichauf mit den beiden (knapp halb so alten) deutschen Olympia-Startern Arthur Gevorgian und Frank Seeger. Mit der Freien Pistole, seiner Paradedisziplin, schaffte er 556 Ringe und plazierte sich auf Rang 19, mit 561 Ringen kam man ins Finale.

Skanaker hatte im Frühjahr 2004 vom Internationalen Schießsportverband ISSF eine personenbezogene "Wild Card" für einen Olympia-Start erhalten, weil die hohen Resultate der letzten internationalen Starts über der Qualifikationsringzwahl lagen, Schweden aber keinen Olympia-Startplatz "Pistole" gewonnen hatte. Skanaker im VISIER-Interview: "Unser Schützenverband hat meinen Olympiastart mit 12 zu einer Stimme befürwortet, dennoch gab das schwedische Olympische Komitee die Wild Card an die ISSF zurück." Skanaker sei einfach zu alt für einen Olympia-Start, und das eigene (und auch in anderen Ländern praktizierte) Verfahren, nur junge Schützen (meist bis 35 Jahre) zu nominieren, wollten die Schweden nicht durchbrechen. Ironischerweise konnte sich in Mailand der deutlich jüngere Schwede Anders Bonander die Bronzemedaille mit der Freien Pistole erkämpfen, hinter dem siegenden Russen Vladimir Gontcharow und dem Koreaner Jong Oh Jin - aber da waren die Athen-Fahrkarten, die bei Weltcups in den Jahren vor Olympia erkämpft werden müssen, eben schon alle verteilt.

Dabei hat gerade der Schießsport gegenüber anderen Disziplinen den Vorteil, daß wegen der geringeren physischen Belastung auch ältere Sportler Höchstleistungen zeigen können. Allerdings stehen Schwedens Schützen ohnehin als Rekordhalter im Guinness-Buch: Oscar Swahn gewann 1912 in Stockholm als 64jähriger mit dem Team Gold auf den "Laufenden Hirsch", nachdem er 1908 schon einzeln Gold gewann. 1920 startete er, nunmehr 72, in Antwerpen nochmals und holte Silber. Und Torsten Ullman, der schwedische Freie-Pistolen-Schütze, gewann 1936 in Berlin Gold, 1948 in London Silber und konnte sich auch 1952, 1956 und 1960 (mit 52 Jahren) unter den ersten Sechs plazieren. Das Startverbot durch das schwedische NOK schlug dort hohe Wellen, weil Skanaker fast als Nationalheiligtum gilt: drei Fernsehinterviews und über 60 Zeitungsartikel beschäftigten sich mit dieser verpaßten Werbung für den Schießsport. Skanakers privat organisiertes Olympia-Nachwuchsprojekt "Team Athen 2004" wurde trotz einiger Erfolge 2003 eingestellt, weil die Sponsoren absprangen. Sein persönliches Fazit nach der Athen-Pleite: "Macht nichts, in vier Jahren ist ja wieder Olympiade, und vielleicht entscheiden dann andere Leute..."

Bild
Seine Schießtechnik bringt die Standnachbarn zum Verzweifeln: nach jedem Schuß aus dem Anschlag zur Seite treten, um durchs Spektiv den Treffer zu kontrollieren, zwischendurch mal einem Bekannten unter den Zuschauern zuwinken oder gar an die Brüstung treten, um schnell einen neuen Witz loszuwerden. Daß er dennoch Zehn um Zehn treffen kann, bewies Ragnar Skanaker beim Weltvup in Mailand. Er schießt übrigens mit einer Morini CM 84 mit elektronischem Abzug, die er selbst gemeinsam mit Morini entwickelt hat. Morini stellte mit 32 von 60 FP-Startern die Mehrheit an Waffen in Mailand, gefolgt von TOZ 35 (26 Schützen), zweimal Hämmerli und je einmal Pardini und die russische MC 55.


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