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3. Mai 2009

Generalverdacht und so

Viele Personen können mit Schusswaffen nichts anfangen und sähen sie am liebsten auf dem Mond deponiert — daran hat man sich als legaler Waffenbesitzer inzwischen gewöhnt. Auch daran, dass viele der lieben Kollegen aus der schreibenden und filmenden Zunft die waffenrechtlichen Aspekte großenteils oder komplett falsch darstellen.

Wollschläger-Kommentar
(Zum Vergrößern bitte anklicken!)
Bis zu einem gewissen Grad auch verständlich, angesichts der Tatsache, dass wie anderswo auch vielerorts im Journalismus der Rotstift regiert. So finden sich Zigtausende von Journalisten auf der Straße wieder, während die noch in Lohn und Brot stehenden Kollegen oft für Minimallöhne arbeiten oder sich als Freie von Auftrag zu Auftrag hangeln, aber dafür ein größeres Pensum als ehedem verrichten dürfen. Dass da irgendwann notgedrungen auch mal die Qualität leiden muss, liegt auf der Hand.

Diese Entschuldigung kann aber nicht anführen, wer willentlich eine ganze Bevölkerungsgruppe der Soziopathie bezichtigt — dies aber ohne einen einzigen Beweis. Dies tat der Kollege Joachim Wollschläger. Er schrieb für die Saarbrücker Zeitung den am 20. April 2009 veröffentlichten Kommentar mit der Überschrift “Wenn aus Sport Mord wird” (siehe nebenstehenden Ausriss). Auslöser dieses Kommentars war wohl eine auf der gleichen Seite abgedruckte dpa/ddp-Meldung. In der ging es um die Gewalt- und Mordphantasien, von denen der Massenmörder aus Winnenden vor seiner Tat in der Psychiatrie berichtet hat.

Ich halte fest: Herr Wollschläger plädiert für das straffreie Abgeben von Waffen bei der Behörde. Doch in seiner Begründung mischt er munter Legal- und Illegalwaffen durcheinander, er geht nonchalant davon aus, dass man Waffen als “bedenkliche Schnäppchen” auf dem Flohmarkt kaufen kann (genau das ist seit Jahrzehnten explizit verboten). Ihm genügt für seine Tirade einzig und allein der Umstand, dass es im Saarland 450 000 Waffen gibt. Das reicht für seine Vermutung. Ich zitiere: “Rechnerisch hat damit fast jeder zweite Saarländer eine Schusswaffe — und die meisten Saarländer sind somit potenzielle Amokläufer.”

Uff — das ist so ziemlich der stärkste Tobak, den jemand zum Thema Waffen in Privathand verbrochen hat. Da fällt es schon gar nicht mehr ins Gewicht, dass der Verfasser es mit der Bedeutung der Worte nicht so ganz hat: “Fast jeder zweite” ist nämlich nicht gleichzusetzen mit “die meisten”.

Sehr geehrter Herr Wollschläger, haben Sie überhaupt irgendwelche stichhaltigen Argumente für diesen Anwurf? Einen fundierten wissenschaftlichen Bericht, einen Aktenbeleg? Irgend etwas also, das Ihre Annahme stützt, dass der Besitz einer Waffe an sich schon den Menschen zu einem Mörder-in-spe verwandelt? Was machen Sie dann mit all den alten Damen, die ihr Gemüse und Fleisch seit jeher mit einem großen Küchenmesser oder einem alten Moulinex-Elektrocutter schneiden? Stehen Tante Klara und Oma Erna nun auch unter Vorab-Verdacht und sollen ihre Schneidgeräte abgeben? Wollen Sie künftig von Mord und Totschlag ausgehen, wenn zwei Schützenfreunde sich mal beim Grillen etwas derber anfrotzeln, mit typisch saarländischen Sprüchen wie “Hä, Alter, schon dein Vater konnte nicht schwenken?”

Merke: Alle vom Menschen gebauten Geräte (und damit auch  Schuss- wie Hieb-, Stich-, Trutz- und Schutzwaffen) sind Dinge ohne moralisch bewertbare Eigenschaften. Alles andere ist schlichtweg Aberglaube. Der aber gehört ins Geschichtsbuch und sollte doch spätestens seit Gotthold Ephraim Lessing, Moses Mendelssohn und all den übrigen Aufklärern der Vergangenheit angehören.

Wenn aber, Herr Wollschläger, es keine Argumente gibt, dann soll der Text bloß Ihr Befinden gegenüber Waffen wiederspiegeln? Dass ihnen das Unbehagen macht, sei Ihnen zugestanden, auch, dass Sie das ausdrücken wollen. Nur, warum tun Sie das dann nicht? Das wäre legitim gewesen — nicht aber, Stimmung gegen Leute zu machen, deren Hobby und Vorlieben nicht zu Ihrer Wunschsicht der Welt und (es sei aufgrund Ihres Textes vermutet) Ihrer politischen Überzeugung passen. Daraus folgere ich als Sportschütze, Waffenbesitzer (und übrigens auch als geborener und überzeugter Saarländer): Ihre Toleranz gegenüber Andersdenkenden bewegt sich Limes gegen Null. Als Journalist sage ich: Wenn Sie Ihre Sicht der Dinge nur mit unbegründeten Pauschalverdächtigungen glauben vermitteln zu können, dann haben Sie Ihr Handwerk nicht gelernt. Jeder Volontär lernt, zuerst zu recherchieren und dann zu schreiben. Und erfährt, dass Meinungsbildung sich auf Tatsachen stützen muss: Keine Behauptung ohne Beweis! Ansonsten ist das nämlich Meinungsmache — das ist aber etwas anderes als Meinungsbildung.
Matthias S. Recktenwald


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