
3. März 2008
VISIER-Birne des Monats: BILD-Zeitung für die Glotze
oder: „Verwirren Sie mich nicht durch Fakten, meine Meinung steht eh schon fest!“
An diesen alten Spruch aus 68er Tagen fühlte man sich sehr erinnert bei der Betrachtung der Sendung "Report Mainz" des Südwestrundfunks vom 18.2. Eins der Themen in der halbstündigen Politikmagazin lautete nämlich „Fragwürdige Zusammenarbeit: US-Privatarmee Blackwater schießt mit deutschen Waffen“ und ließ schon von der Ankündigung her Arges vermuten. Denn es ging um deutsche Heckler & Koch-Produkte in den Händen der (O-Ton) „amerikanischen Söldnerfirma“ , die sich „laut Eigenwerbung (als) militärischer Dienstleister“ präsentiere, was der Moderator Fritz Frey „puren Zynismus“ nannte.
Und im entsprechend reißerischen Boulevardstil lief nun der von dem Mainzer Mitarbeiter Thomas Reutter und dem freien Autoren Ashwin Raman angefertigte Beitrag ab. Der ganze Film dauerte kaum fünf Minuten. Der volle Text lässt sich auf der Homepage des Senders nachlesen (und ist nicht identisch mit der auf der Homepage gezeigten Langversion!).
Aber auch die ist wie die abends ausgestrahlte kürzere Variante geprägt von einer Unzahl von Fehlern, tendenziösen Auslassungen — allein schon durch ihre Kürze und aus dem Zusammenhang gerissenen Ausschnitte aus Beiträgen fremder Sender oder aus dem Internet gezogener Filmchen.
Auch da, wo die deutschen Filmemacher über den offiziellen Untersuchungsbericht des Kongresses berichten, erfährt der deutsche Zuschauer nicht die eigentlichen Hintergründe. Auch nicht in Bezug auf die in der Kritik der Medien stehenden Schießerei im September 2007 an einer Kreuzung in Bagdads Bezirk Mansour, wo ein Fahrzeugkonvoi der Blackwater-Personenschutzgruppe, im Stau eingekeilt von irakischen Fahrzeugen, bei einer Schießerei den Tod von 17 Menschen verursacht haben soll. Nach Angaben irakischer Zeugen hätten die BW-Leute plötzlich wild und wahllos um sich geschossen, nach Darstellung des Konvoi-Personals und der US-Beamten im Konvoi waren die Fahrzeuge von einem Gebäude aus unter Feuer genommen worden, nachdem eine Bombe neben einer der gepanzerten Limousinen explodiert war. Die BW-Personenschützer hätten sich in die Enge getrieben gefühlt und entsprechend reagiert, um der Fahrzeugkolonne den Weg freizumachen.
Mit keinem Wort erwähnt der Report-Bericht auch den unter Beteiligung irakischer Polizisten durchgeführten Hinterhalt auf eine Blackwater-Fahrzeugkolonne am 29.3. 2004 bei der Stadt Falludscha, in deren Folge vier Mitarbeiter der Firma getötet, ihre sterblichen verkohlten Überreste zerhackt und an einer Brücke über den Tigris zur Schau aufgehangen wurde.
Der Report-Mainz-Bericht krankt schon allein daran, dass die Prince-Firmengruppe, zu der Blackwater gehört, allein auf ihre Rolle als Anbieter sicherheitstechnischer Dienstleistungen vom Bewachen von Versorgungskonvois bis zum Personenschutz von Politikern reduziert wird. Das beschreibt das Autoren-Duo Reutter/Raman einzig mit dem politisch und emotional hochbelasteten Etikett „Söldner“. Für den unbedarften Zuschauer drängt sich förmlich der Eindruck auf, dass die privaten Militär-Unternehmen (engl. PMC) nichts anderes sind wie marodierende Landsknechtshaufen des 30jährigen Krieges, die auf eigene Faust im Irak Krieg führen.
O-Ton: „Blackwater erhält Aufträge von der US-Regierung, die sie dem eigenen Militär nicht geben will. Im Wert von einer Milliarde Dollar. Vor allem im Irak. Blackwater genießt keinen guten Ruf.“ Geschickte Auslassungen, bis hin zur gezielten Fehlinformation, so macht man Stimmung. Auch wenn die Milliarden-Zahl nicht stimmt, wen schert das schon? Recherchiert hat das Autoren-Duo ohnehin nur sehr oberflächlich.
Tatsache ist, dass weltweit der Bedarf nach solchen Dienstleistern wächst. Sie erfüllen heute Aufgaben, die früher von den Militärverbänden übernommen wurde, wie die Versorgung von Truppenteilen, über Instandsetzung, Baumaß- und Entschärfungsmaßnamen bis hin zu Ausbildung von lokalen Kräften und alle Arten von Wachschutz. Die Frage bleibt, warum das so ist. Weil nach dem weltweit so massiven Truppenabbau in den 1990er Jahren – allein rund eine halbe Million US-Soldaten in den acht Jahren der Clinton-Ära – einfach nicht mehr genügend ausgebildete Kräfte vorhanden sind, um den zahlreichen Verpflichtungen der westlichen Bündnisarmeen in den „hot spots“ vom Kosovo über die Krisenherde des Mittleren Osten bis Somalia und Kongo nachzukommen. Klartext: Die US Regierung will diese Aufgaben nicht ihren eigenen Soldaten übergeben, sie kann einfach nicht mehr – mangels Masse. Und: Ein regulärer Soldat kostet die Regierungen ungleich mehr, als die Profis von den PMCs trotz deren hoher Tagesgagen von 500 bis 1000 Dollar.
Dazu kommt, dass die rund 1000 Mann, die Blackwater zur besten Zeit im Irak im Einsatz hatte, gar nicht für die US-Army operierten, sondern dort im Auftrag des US-Außenministeriums für Schutz und Versorgung der Diplomaten, der ausländischen Staatsbesucher und der Angehörigen der CPA, der Übergangsregierung des US-Sondergesandten Paul Bremer verantwortlich waren. Und in den fünf Jahren der Tätigkeit hat BW keine einzige Schutzperson verloren, obwohl kaum ein Tag verging – wie der Firmenchef vor dem Untersuchungsausschuß des Kongreß belegen konnte – wo Blackwater-Fahrzeuge und Personal nicht unter Beschuß gerieten.
Das sagt viel mehr über die Qualität dieses Dienstleisters aus, als die in dem TV-Bericht erwähnte Anzahl von 200 Schußwaffenanwendungen der Firma „in die Blackwater in den vergangenen zwei Jahren verwickelt war. Das Ergebnis: In 163 Fällen, also in 84 Prozent der Schießereien, eröffnete Blackwater-Personal das Feuer.“ Denn jede vergleichbare Truppe der US-Army hat eine ähnliche oder größere Anzahl von Zwischenfälle pro Jahr zu verzeichnen, meist mit drastischeren Folgen. Denn die Auflagen des Außenministeriums zum Schusswaffeneinsatz („rules of engagement“) orientieren sich zwar an denen des Militärs, sind aber strenger. Die überwiegende Anzahl der „Schießereien“ bezieht sich ohnehin auf Warnschüsse in die Luft oder auf den Boden, um sich bedrohlich näherende fremde Fahrzeuge auf Abstand vom Konvoi zu halten. Alltag im assymetrischen Krieg eben.
Zudem stellen die Dienstleistungen im Irak nur einen geringen Anteil, etwa zehn Prozent, am Umsatz von Blackwater und der Prince Group dar: BW-Personenschützer bewachen Diplomaten und Angestellte der US-Botschaften auch in Ländern wie etwa Israel, Afghanistan und dem ehemaligen Jugoslawien. Die Blackwater Trainings-Lodge (siehe VISIER 4/2001), das riesige Übungsgelände in North Carolina (und nur eine von mehreren Ausbildungszentren des Konzerns) dient nicht nur dem Training der eigenen Leute, sondern wird an Spezialeinheiten der US Navy und das Marine Corps, an Polizeien und sogar Schützenverbände vermietet. Die Forschungsabteilungen der US Streitkräfte nützen es für Fachseminare und Waffenvorführungen. Andere Zweige der Blackwater-Firmengruppe fertigt Schießanlagen und Kugelfänge, gepanzerte Limousinen und Luftschiffe zur Überwachung.
Natürlich durften ja auch nicht die Klischees von wild um sich schießenden Cowboys fehlen, wie angeblich auf dem Dach eines Gebäudes in Nadschaf, wo ein Scharfschütze den Kommentar abgab „Das ist wie Truthahnschießen.“ Ein ganz perfides Beispiel für das geschickte Verschweigen von das Gesamtbild korrigierenden Fakten: Bei dem Häuserkomplex handelte es sich um ein Verwaltungsgebäude der US-Übergangsregierung CPA in der schiitischen Pilgerstadt Nadschaf, das im April 2004 tagelang von der Mahdi-Miliz des Schiitenführers al-Sadr belagert wurde. Heckenschützen feuerten unter anderem aus einem gegenüberliegenden Krankenhaus. Es gab regelmäßig Sturmangriffe, welche die Verteidiger vom Blackwater-Bewachungsteam und eine Handvoll Marines zwangen, ihre Munition zu verbrauchen.
Am Ende konnten sie sich nur behaupten, und ein Verwundeter ausgeflogen werden, weil die drei Blackwater-Hubschrauber MD 530 „little birds“ (eigentlich gedacht für den Transfer von hochgestellten US-Besuchern) mit MGs, Munition und einem Verstärkungstrupp vollgeladen wurden und alles auf dem Flachdach abgeworfen wurde. Der im Film gezeigte Scharfschütze und diverse andere bei dem Gefecht BW-Mitarbeiter leiden heute noch unter traumatischen Belastungsstörungen aufgrund der Vielzahl von drastischen Kampferlebnissen mit selbstmörderisch anstürmenden Mahdi-Milizionären.
Der Videoclip ist ungleich länger und gibt an anderen Stellen ein besseres Bild der Gefechtsfeldrealität. Er wird in den entsprechenden Insider-Foren auch ganz anders kommentiert als in dem Report-Beitrag.
Aber was ist denn nun mit den deutschen Waffen des (O-Ton) "oberschwäbischen Traditionsbetriebs. Die Waffenfabrik Heckler & Koch in Oberndorf am Neckar. Ein renommiertes Unternehmen, weltweit bekannt für Wertarbeit aus Deutschland“ – Wenigstens da liegt Report-Mainz mal halbwegs richtig. Es gab auch Lehrgänge, gemeinsam angeboten von Heckler & Koch und Blackwater, etwa für die Mitarbeiter der Personenschutzgruppen des US State Departments und anderer offizieller Dienststellen, die mit HK-Waffen ausgestattet sind oder werden.
Aber ob die Waffen, welche die Blackwater-Söldner im Irak führen, nun tatsächlich von HK Oberndorf geliefert wurden, darüber kann der Report-Mainz-Film keine Auskunft geben. Denn Waffen wie die MP 5 werden seit Jahrzehnten in vielen Ecken der Welt, so auch in den USA gebaut, nicht nur in Oberndorf. Und tatsächlich benutzten Reutter und Raman ein Schaubild, um zu zeigen, dass HK Gemany Waffen angeblich einfach nur an HK Inc. in den USA liefern brauchte, um rechtlich aus dem Schneider zu sein. Was sie bei der Eile ihrer Recherche einfach „übersahen“, war, daß auf dem gleichen Schaubild auch die US Manufacturing Site aufgeführt wurde. Und was sie geflissentlich verschwiegen, obwohl Ashwin Raman einen VISIER-Mitarbeiter deshalb anrief, war daß dieser sie darüber aufklärte, dass die Blackwater-Waffen aus den US-Herstellungsquellen, von Firmen wie Bushmaster oder vor Ort in Nahost eingekauft werden.
Nix da mit direkten Lieferungen, das walte die BAFA in Eschborn (Bundesamt für Wirtschafts-Ausfuhrkontrolle) – aber das hätte natürlich nicht so eine spektakuläre Schlagzeile gegeben. Und dann hätte sich ja auch nicht der Berufsbetroffene vom Dienst, Hans-Christian Ströbele, stellvertretender Fraktionsvorsitzender von B’90/Grüne, nicht so ereifern können: „Es ist skandalös. Und nicht hinnehmbar, dass eine deutsche Waffenfirma mit einer solchen Söldnertruppe der Gesetzlosen zusammenarbeitet...“
Tja, schon gequirlter Quark, wenn man es mit der journalistischen Wahrheitsfindung nicht so genau nimmt, Herr Reutter, oder? Aber war da nicht vor ein paar Jahren nach Erfurt ein ähnliches Stückchen journalistischer Scharlatanerie mit einer Deko-Handgranate, die Sie auf der Waffenbörse Kassel kauften und dann als vermeintlich scharfe Waffe durch die Republik kutschierten? VISIER berichtete damals über Ihre Blamage. Nichts daraus gelernt?
Sie sammeln ja so gern Preise für Ihre Arbeit - da kriegen Sie mal einen von VISIER dazu: Die „Birne“ – heißt übrigens so in Erinnerung an einen Ex-Bundeskanzler, der mit der Wahrheit mitunter auch mächtig auf Kriegsfuß stand.
Eigentlich schade, denn diese Republik braucht guten investigativen Journalismus und kritische TV-Politmagazine als Gegengift gegen den seichten Talkshow-Alltag. Und Report lieferte da in der Vergangenheit schon manches Glanzstückchen – aber nun das? Vielleicht sollte es die Chefredaktion nächstes Mal so halten wie bei den Gelben Seiten: Jemanden fragen, der sich auskennt.
Ach so – der Report-Mainz-Beitrag betont mehrmals, dass Heckler & Koch zu einer Stellungnahme gegenüber dem Magazin nicht bereit war. Was wundert das die Kollegen in Mainz eigentlich? Auch unser Angebot, mit der Chefredaktion von Report Mainz ein klärendes Gespräch zu führen, blieb ohne Antwort...
Dr. David Th. Schiller Herausgeber
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